Wie so oft saß ich lange nach offiziellem Dienstschluss im Frühjahr 1999 – es muss Mitte April gewesen sein – noch in meinem Büro, als das Telefon im Sekretariat klingelte. Ich nahm natürlich ab, denn längst wusste ich, dass  um diese Zeit Anrufe mitunter besonders interessant waren.

„Wie lange brauchen Sie für eine Führung?“, lautete die Frage eines Menschen am anderen Ende der Leitung; es war ein Beamter der Protokollabteilung des Auswärtigen Amtes.

Was darauf antworten? Ich sagte: „45 Minuten oder auch länger, ganz wie Sie wollen. Worum geht es denn, wer will geführt werden?“

„Das darf ich nicht sagen; jemand hat den ausdrücklichen Wunsch geäußert“, so die Antwort. „Geht  es auch kürzer“, fragte der Anrufer?

„Ja“, sagte ich. „Von mir aus auch zehn Minuten, aber weniger wird dann doch schwierig.“ Wir einigten uns auf 15 Minuten am 26. April  gegen 14:40 Uhr. Den Namen des Besuchers habe ich dann doch gegen Ende des Telefongesprächs erfahren. Es handelte sich um den Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan. Seinen Besuch habe ich noch sehr genau in Erinnerung.

Von einer Minute zur anderen kam gegen 14:30 Uhr jeglicher Verkehr in der Oranienburger Straße zum Erliegen, und dann wurde das Geräusch einer von Motorrädern eskortierten Autokolonne, die sich der Neuen Synagoge näherte, immer lauter. Es war wirklich gespenstisch.

Seitdem ich wusste, wer der Besucher sein wird, beschäftigte mich die Frage, warum der UN-Generalsekretär die Neue Synagoge sehen wollte.

Er kam unmittelbar von seiner Berliner Rede, die er im Hotel Adlon gehalten und in der er angekündigt hatte, dass er gleich „die wiedererrichtete Synagoge in der Oranienburger Straße besuchen“ werde.

Und dann war er plötzlich da. Inmitten einer Gruppe von Menschen ging Kofi Annan in die einstige Eingangshalle und erklärte im Hineingehen Gemeindevorsitzenden Andreas Nachama und mir seinen Besuch. Er beantwortete quasi meine Frage, die ich ja gar nicht laut gestellt hatte, indem er sagte: „Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen; sie ist eine Nichte von Raoul Wallenberg.“  Das war ihm Erklärung und mir Antwort genug.

Der UN-Generalsekretär und seine Frau Nane Annan zeigten sich überaus interessiert; die Führung dauerte gute 30 Minuten. Kofi Annan sagte mir unter anderem, dass US-Präsident Clinton so sehr von seinem Besuch bei uns (12. Juli 1994) beeindruckt gewesen war. Daher wolle auch er diesen wichtigen Ort unbedingt sehen. Aber das war nicht der alleinige Grund.

In einem Dankbrief schrieb Kofi Annan am 24. Mai 1999: „I wanted to see this synagogue because the resumption of Jewish life  in Germany sends an important message to people of all faiths, in all nations. It gives hope that we can build societies based on equality and the golden rule of ‚right conduct‘ toward others.“ (Archiv Centrum Judaicum).

Hermann Simon