Wir sind ein ikonisches Wahrzeichen für jüdisches Leben in Deutschland, das ist unbestritten. Wenn es auch nur irgendwie darum in Deutschland geht, werden unsere goldenen Kuppeln gezeigt – allemal, wenn es um jüdisches Leben in Berlin geht. Das teilrestaurierte Gebäude in der Mitte von Berlin ist mit der Geschichte und den Geschichten, die es zu erzählen hat, zweifellos ein Schatz, ist unser wichtigstes Objekt und tatsächlich unser oft genanntes Alleinstellungsmerkmal.

Doch ich will dem noch einige Überlegungen hinzufügen, welche spezifischen Themen sich aus dem Gebäude selbst ergeben. Die Neue Synagoge Berlin war die größte Synagoge, die es in Deutschland je gab, ein Prachtbau, der das Selbstverständnis vieler deutscher Juden von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Shoah ausdrückte: „Wir sind Teil der deutschen Gesellschaft – und wir sind Juden.“ Ein Zeugnis für kulturelle und emotionale Identifizierungen, die „deutsch“ und „jüdisch“ auf irgendeine Art und Weise mischten. Dieses Selbstverständnis kann als einigendes weltanschauliches Dach für die Mehrheit der damaligen deutschen Juden verstanden werden – repräsentiert buchstäblich durch das Dach der Neuen Synagoge als starkes Symbol für den Glauben an die Bindestrichidentität. Doch schon dieses Dach barg Unterschiede, es gab nicht etwa nur jene, die sich als deutsche Staatsbürger mit jüdischer Konfession fühlten, sondern auch kompliziertere Variationen. Hinzu kamen Herausforderungen seitens jener, die Jude-Sein in Deutschland nochmal ganz anders sahen: Da stand beispielsweise die Orthodoxie für eine viel stärkere und traditionellere religiöse Bindung, während der Zionismus immer mehr auf ethnische Zugehörigkeit pochte, auf eigenes Selbstbewusstsein und, in Deutschland mindestens ab den 1910er Jahren, Bindestrichidentitäten in Zweifel zog.

Große Fragen und Themen sind es also, die uns alleine das Gebäude nahelegt und quasi vorgibt – eigentlich die klassischen Themen um das deutsche Judentum: zum einen, zu starke Typisierungen, was der „typische deutsche Jude“ oder die „typische deutsche Jüdin“ war, zu durchbrechen. Damit verbunden, zum andern, die Frage um Zugehörigkeiten und Selbstdefinitionen, um unterschiedliche Identitäts-Mischungen. Hier ist man allerdings zu leicht bei zwei Begriffen, unter denen das Leben von Juden in Deutschland oder deutscher Juden gerne befragt und bewertet wird, und die m.E. durchaus ihre jeweilige Crux haben.

Einmal fällt sehr häufig der Begriff „Integration“. Was kann ein Problem an der Frage sein, wie sehr deutsche Juden sich in die Gesellschaft integrierten? – Es kommt dabei auf den dahinterliegenden Anspruch an: impliziert er, dass eine Mehrheitsgesellschaft eine bestimmte Norm vorgibt, in die die Minderheit sich zu integrieren hat? Was genau beinhaltet dies und welche eigenen Sprachen, Werte, Normen wurden oder werden als legitim aufgefasst? Um dies auf die Situation deutscher Juden in der Zeit der damaligen Neuen Synagoge zu übertragen: Wie betrachtet man dann beispielsweise die eher orthodoxen Juden, die an ihrer Sicht auf Religion festhielten, sie oftmals als eine Lebensrichtung verstanden wissen wollten? Welche Ansprüche wären zu stellen an Juden aus Osteuropa, etwa jene im sogenannten Scheunenviertel, nicht so entfernt von der Neuen Synagoge, die eine gehörige Portion Jiddisch in ihren Leben hatten? Haben viele vielleicht im Kopf, dass es eine gute, sich integrierende Mitte gab und gibt und am Rand eben jene anderen? Sprechen wir oder andere zu sehr davon, wie stark sich doch deutsche Juden integrierten – und setzen dabei die Norm, dass dies so zu sein habe?

Zunächst noch eine andere Verstörung, anhand des anderen Begriffs, der deutsch-jüdische Historiographie lange prägte, jener des „Beitrags“ deutscher Juden zur deutschen Gesellschaft. Davon ist immer wieder und beständig die Rede, auch wenn die moderne Geschichtsschreibung selbst (deutsch-jüdische oder andere) längst nicht mehr in solchem Sinne schreibt. Dies aus gutem Grund, denn zu nah ist man daran, mit der Betonung der – unbestreitbaren! – Leistungen deutscher Juden bei vielen Errungenschaften in Kultur, Sozialwesen, Naturwissenschaften, Universitäten etc., quasi nachträglich eine Gegengeschichte zu Antisemitismus und Ausgrenzung zu schreiben und zu betonen, was die Gesellschaft zuließ an Verfolgung und Ermordung derer, die zuvor für diese Gesellschaft so viel geleistet hatten. Auch hier sind Stoßrichtung und Zweck entscheidend und ist daher Vorsicht angebracht. Kürzlich wurde andernorts in Europa die Idee eines Jüdischen Museums geboren, das eben genau dies auf die Spitze treiben wollte: Das Konzept bestand darin, eben jene Leistungen von Juden exemplarisch an berühmten Persönlichkeiten zu zeigen und, dies war gleich der Konnex, damit klarzumachen, was die Gesellschaften durch die Shoah verloren, welchen Schaden sie sich selbst zugefügt hätten. Das Konzept traf bei den anderen Vertreter*innen jüdischer Museen – zu Recht – auf großen Widerstand. Denn zu leicht wird damit bei Menschen gewertet und gemessen, wird Legitimität quasi durch „Beitrag“ erworben – ganz abgesehen davon, dass es keinen Unterschied macht, ob jüdische Schornsteinfeger und Hausierer oder Nobelpreisträger ermordet wurden.

„Beitrag“ und „Integration“ sind daher zwei Seiten einer Medaille, beide sind zu nah an einer Sicht, die Maßstäbe vorgibt, die verteidigen will und dafür Leistung anführt. Schon Anfang der 1930er Jahre wurde so deutsch-jüdische Geschichte geschrieben und ab den 1950er Jahren – was ein Licht wirft auf den geistigen Zustand der umgebenden Gesellschaften. Wehe einer Gesellschaft, wenn deutsche Juden sich wieder so bemüßigt fühlen müssen, zu „beweisen“! All die Problematik und die Fragen, die hier mitschwingen (können), wenn von Integration und Beitrag die Rede ist, sollten wir uns und unseren Besucher*innen klarmachen. Wir sind damit mittendrin in sehr prinzipiellen, auch sehr aktuellen Fragen: Wie viel und welches „Anders-Sein“ empfinden Menschen als legitim, eventuell als spannend und exotisch – oder wann wird es ihnen zu viel? Auf wie viel Differenz lässt sich eine Gesellschaft ein, was wird von vermeintlich „Anderen“ erwartet? Immer waren diese Fragen relevant und sie erscheinen es mir heute, 25 Jahre nach Eröffnung des Centrum Judaicum, in einer sich in vielem aufsplitternden Gesellschaft, nicht weniger zu sein.

Schon dies weist also auch in die Gegenwart, betrifft den Blick der Gesellschaft auf Juden heute. Genauso weist das Thema, wie Juden ihre Identitäten sehen und definier(t)en, ein Thema, das wie oben beschrieben uns das Haus quasi schon vorgibt, ins Heute: gerade, da die jüdische Gemeinschaft in den letzten Jahren nicht nur stark angewachsen, sondern auch viel pluraler geworden ist, verschiedene Hintergründe, Herkunftsländer und Selbstverständnisse vereint. Es gibt ja nun wieder eine, zumindest kleine Vielfalt von Judentümern in Deutschland, die eben ihre Selbstverständnisse, Zugehörigkeiten und Differenzen stark diskutiert. Was liegt also näher, als uns hier in diesem Haus dann auch jüdischem Leben von heute zu widmen und die Linien zwischen Geschichte und Gegenwart zu ziehen?

Doch nicht nur die Fragen an das Gebäude legen uns die jüdische Gegenwart nahe, sondern die Spezifik, dass die Neue Synagoge Berlin heute selbst wieder ein Ort jüdischen Lebens ist. Hier hat wieder die Jüdische Gemeinde zu Berlin ihren Sitz und Büros, hier gehen die Schüler*innen des nahegelegenen Jüdischen Gymnasiums zu ihrer Turnhalle auf dem Gelände, hier hält eine Synagogengemeinde ihre Gottesdienste ab, tollen am Schabbat Kinder über die Freifläche und finden im Großen Saal auch Proben für Meisterklassen und Gottesdienste an Feiertagen statt – kleine Konkurrenzen, wer den Raum zuerst gebucht hat, inklusive. Den Seminarraum im ersten Stock nutzen alle, von der Theatergruppe der Gemeinde bis hin zu den russischen Akademiker*innen und ebenso wir für unsere Workshops. Wie oft hätte ich schon auf Russisch den Weg nach hier und dort erklären sollen … Und was ist mit „nicht-museumsgerechter“ Musik und mit Küchendüften, etwas zu viel an Folklore?
Nicht viele jüdische Museen in Deutschland sind in einem Haus zusammen mit Jüdischen Gemeinden. Hier in Berlin macht dieses Nah-dran-Sein einen Teil unseres Potentials aus und macht aus uns noch mehr einen authentischen Ort – der ein Ort eben nicht der Folklore, sondern eines jüdischen Lebens in Deutschland 75 Jahre nach der Shoah ist. Auch darum sehe ich unsere Einrichtung als prädestiniert, eine Brückenfunktion einzunehmen zwischen Stadtgesellschaft und der Gegenwart der heutigen jüdischen Gemeinschaft, den diversen Communities und ihren Diskussionen. Gerade in Berlin werden heute mehr als 200 jüdische Gruppierungen gezählt!

Und was kann uns noch leiten in den nächsten Jahren? Selbst wenn die oben skizzierten Fragen unser Haus und damit uns vielleicht besonders ausmachen, müssen und sollen wir uns nicht darauf beschränken. Es gibt viele weitere Themen, die große Fragen an die Welt stellen und auf jüdisches Berlin bezogen für uns spannend sind. Etwa die Geschichte der jüdischen Erinnerungen, umso mehr, da wir uns auch als Gedächtnisort des jüdischen Berlin verstehen. Zu betonen, dass es kein Masternarrativ für jüdische Geschichte, sondern viele Zugänge und Fragen gibt und dass auch die kleinen Geschichten und Biographien bedeutsam sind – Hermann Simon hat dies mit seinen Jüdischen Miniaturen virtuos vorgemacht. Ein Vorbild bleibt, auch unbequeme Themen aufzugreifen, wie es Hermann Simon und Irene Stratenwerth 2012 etwa mit jener Ausstellung über Mädchenhandel in Osteuropa in den Jahren 1860 bis 1930 taten – ein verdrängtes Kapitel Auswanderergeschichte, das davon erzählt, dass jüdische Mädchen und Frauen, die der Not durch eine Auswanderung in die USA entkommen wollten, ihre Armut nicht selten zunächst in die Prostitution zwang. Die Geschichte des Gebäudes seit 1945, inklusive zu Zeiten der DDR, die größere Einbeziehung der Umgebung, der Spandauer Vorstadt. Dabei werden bei allen Themen Ausgrenzung, Verfolgung und die Shoah Bezugspunkt bleiben. Selbst wenn wir weit davon weggehen, ist jüdische Geschichte heute nicht zu schreiben, zu zeigen oder zu denken, ohne dass wir nicht doch die Erinnerung an die Opfer in Auschwitz im Kopf und im Herzen haben. Zerstörung und Mord sind in dem Gebäude eingebrannt und bleiben immer Teil seines Narrativs, genauso aber jene Fragen um Identitäten und normative Erwartungen an Jüdinnen und Juden – und damit auch ein Stück Heute.

Dr. Anja Siegemund,
Direktorin Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum