Dokumente aus dem Archiv
der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
zum 80. Jahrestag des Kriegsendes

von Barbara Welker 2025

Die Ermordung von vier jüdischen Männern durch die SS am 1. Mai 1945

In den letzten Kriegstagen kam noch eine Reihe von Juden ums Leben, die bis dahin – meist in einer sogenannten „Mischehe“ – überlebt hatten. Einige von ihnen wurden Opfer der Kriegshandlungen, daneben gibt es jedoch auch Fälle, in denen Juden Opfer von lynchartigen Morden durch überzeugte Nazi-Anhänger wurden. Über einen dieser Fälle schreibt Martin Riesenburger in seinen 1960 erstmals erschienenen Erinnerungen „Das Licht verlöschte nicht“:
„In diesen chaotischen Tagen erschienen in unserer Friedhofsverwaltung mehrere Frauen, die ihre jüdischen Männer suchten. Als wir in Weißensee schon befreit waren, wurden vier Männer am 1. Mai 1945 aus dem Luftschutzkeller ihrs Wohnhauses in der Neuen Königstraße 87 herausgeholt. Unsere Leichenträger suchten, und durch einen Hinweis begaben sie sich zu dem sogenannten Goebbels-Bunker am Friedrichshain. Dort wurden diese vier jüdischen Männer gefunden, bestialisch ermordet durch die SS. Ich habe die Leichen gesehen, aber es stockt mir die Hand, auch nur irgend etwas darüber niederzuschreiben. Am 3. Juni hielt ich an ihren Särgen die Leichenrede.“
(zitiert nach der Ausgabe Teetz 2003, S. 93)

Bei den Opfern handelte sich um Julius Hirsch, geb. 1894, Arthur Michelsohn, geb. 1887, Ignatz Weisz, geb. 1870, und Ernst Zerkowsky, geb. 1884.

In den Berliner Adressbüchern finden sich Arthur Michelsohn, Mauerpolier, und Ignatz Weiß, Privatier, als Mieter in der Neuen Königstraße 87. Ein J. Israel Hirsch, Zuschneider, wohnte 1940 in der Neuen Königstraße 59. Ernst Zerkowsky ist in den Adressbüchern bis 1942 als Inhaber eines Ateliers für Damenmoden geführt, mit der Adresse Schöneberg, Menzelstraße 2, allerdings mussten die Eheleute nach Angaben der Witwe bereits 1941 die Wohnung räumen. Seit Dezember 1943 wohnten sie in der Neuen Königstraße 87.

Dieser Vorfall hat seinen Niederschlag auch in Quellen des Archivs des Centrum Judaicum gefunden.

Anna Zerkowsky geb. Junghans, die Witwe eines der Ermordeten, schreibt in ihrem Antrag auf Anerkennung als Opfer des Faschismus, dass ihr Mann – wohl aufgrund des Verrats durch einen Hausbewohner – „am 1. Mai 1945 aus dem Luftschutzraum […] Neue Königstr. 87 gewaltsam verschleppt und ermordet“ worden sei. Die Männer seien „am 26. Mai 2 Etagen tief unter der Erde in einer Stahlkammer des Goebbelsbunker[s] aufgefunden“ worden (CJA. 4.1, Nr. 3205, Bl. 2).

CJA, 4.1, Nr. 3205 OdF-Akte Anna Zerkowsky (Auszug)

In einem weiteren Dokument heißt es, Ernst Zerkowsky sei „in den Kellerräumen des Kreishauses der ehemaligen Goebbels-Siedlung am Friedrichshain aufgefunden“ worden (Bl. 5). Es handelte sich offenbar um einen Bunker in der sogenannten Goebbels-Siedlung („Goebbels-Heimstätte II“), einem Wohnviertel in der Straße Am Friedrichshain (hinter dem heutigen Filmtheater am Friedrichshain). Die drei Wohnblocks wurden 1938/39 für „verdiente Kämpfer der Bewegung“ gebaut, daneben befand sich das 1937/38 errichtete Gebäude der NSDAP-Regionalverwaltung für den Gau Berlin (Dienstsitz von Goebbels als Gauleiter).

Die vier Männer wurden am 3. Juni 1945 auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt – Julius Hirsch, Arthur Michelsohn und Ignatz Weisz im Feld F I, Ernst Zerkowsky in einem Erbbegräbnis im Feld A IV (hier liegt auch seine 1949 verstorbene Witwe).

1947 wurde am Haus Neue Königstraße 87 eine Gedenktafel mit den Namen der vier Ermordeten angebracht. Bei der späteren Umgestaltung der Straße, die dann Hans-Beimler-Straße hieß, wurden die noch stehenden Häuser abgerissen und damit auch die Gedenktafel entfernt, heute steht dort ein Neubaublock (andere Nummerierung).

Stolpersteine für Arthur Michelsohn, Ignatz Weisz und die Ehefrauen Martha Michelsohn geb. Hauboldt und Hedwig Weisz geb. Fitzke, Otto-Braun-Str. 86/88 (verlegt 2025, zuvor gab es seit 2008 einen Stolperstein nur für Arthur Michelsohn) (Foto Welker 2025)

Anm.: Informationen zur „Goebbels-Siedlung“ nach Annett Gröschner, Jeder hat sein Stück Berlin gekriegt, Reinbek 1998, Einleitung S. 22f, Anm. S. 283; Hartmut Seefeld, „Kaserne“ im Karree. Aus der Geschichte der früheren „Goebbels-Heimstätte“, in: Vor Ort. Stadterneuerung in Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow, 19. Jg., Juni 2010, S. 13.

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