Dokumente aus dem Archiv der
Stiftung Neue Synagoge Berlin – 
Centrum Judaicum
zum 80. Jahrestag des Kriegsendes

Registrierung der überlebenden Juden in Berlin

Barbara Welker 2025

Bis Kriegsende im Mai 1945 hatten in Berlin zwischen 6.000 und 7.000 Juden und Jüdinnen überlebt – die überwiegende Mehrzahl von ihnen (rund 5.000) in sogenannten „Mischehen“, d.h. sie waren mit nichtjüdischen Ehepartnern verheiratet, die dem jahrelangen Druck der NS-Behörden, sich scheiden zu lassen, widerstanden hatten. Etwa ein Drittel der jüdischen Ehepartner musste einen gelben Stern tragen („sternpflichtige Mischehe“). Auf dem Gelände des Jüdischen Krankenhauses, das auch als Gestapogefängnis, Polizeistation und Sammellager diente, hielten sich rund 800 Personen auf (nach Angaben von Bruno Blau, der statistische Angaben zu den Berliner Juden zusammentrug).

Von den rund 5.000 Berliner Juden, die sich der drohenden Deportation durch Untertauchen entzogen, hatten laut Blau etwa 1.400 überlebt. Sie wurden auch als „Illegale“ bezeichnet, da sie nicht bei der Jüdischen Meldestelle gemeldet waren und keine Lebensmittelkarten erhielten.

Um einen Überblick über die in Berlin lebenden Gemeindemitglieder zu erhalten und deren Betreuung zu gewährleisten, veröffentlichte die Jüdische Gemeinde zu Berlin Ende Juli 1945 Aufrufe im Rundfunk und in der Presse, u.a. in der „Berliner Zeitung“ vom 22. Juli 1945 (die Zeitung erschien seit dem 21. Mai 1945 und war offizielles Organ des Berliner Magistrats).
In der Zeit zwischen dem 25. Juli und 8. August sollten sich „sämtliche Juden Berlins und Umgebung im eigenen Interesse zwecks Registrierung“ melden, genannt wurden elf Anlaufstellen in verschiedenen Teilen der Stadt. Dies sollte kurze Wege ermöglichen – aufgrund der starken Zerstörungen waren viele Straßen und Brücken noch nicht wieder passierbar und nur wenige öffentliche Verkehrsmittel in Betrieb. Seit Anfang Juli bestand außerdem neben dem sowjetischen der amerikanische Sektor, bis August folgten die britische und die französische Militärverwaltung.

Die Registrierung erfolgte auf gedruckten Fragebögen im Format A3, die in der Regel persönlich ausgefüllt wurden. Neben Angaben zur Person enthalten die Bögen auch Aufenthaltsorte seit 1933, erlittene Vermögensverluste, Zwangs- und Verfolgungsmaßnahmen, Informationen zum Schicksal der Angehörigen u.a.m..

Rosel Rebekka Abraham, geb. 1904, war als Sekretärin bei der Jüdischen Gemeinde tätig. Sie überlebte versteckt von März 1943 bis zum Kriegsende. Ihre beiden Töchter aus erster Ehe, Ursula und Ilse Weiner, wurden in Auschwitz ermordet. 1948 zog Rosel Abraham nach Israel.

 

Die Namen aller „Glaubensjuden“ (Gemeindemitglieder) wurden im August 1945 in drei hektographierten Listen zusammengefasst; Liste I enthielt
die Überlebenden, die aus Lagern zurückgekehrt waren (a) sowie die „Untergetauchten“ (b), zusammen über 2.100 Personen. Die Liste II enthielt
alle „Sternträger“ (rund 1.800 Personen), die Liste III die jüdischen Ehepartner in sogenannten „privilegierten Mischehen“, die keinen Stern tragen
mussten (über 1.500 Gemeindemitglieder).
Bis November 1945 waren laut Blau rund 7.000 Personen bei der Gemeinde registriert (hier kamen ab August 1945 Rückkehrer aus Theresienstadt
und Geflüchtete aus den früheren deutschen Ostgebieten und Polen hinzu).

Diese Fragebögen – später gab es vereinfachte Formulare – wurden bis ca. Ende 1952 ausgefüllt und in einem großen Verwaltungsraum der Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße 28 gelagert. Sie dienten auch als Vorlage für ein 1947 erstelltes Mitgliederverzeichnis der Gemeinde und für Listen für die Wahlen der Repräsentanten 1948, 1950 und 1952.

Anfang der 1990er Jahre wurde der Raum zum Magazinraum für das Archiv des Centrum Judaicum umgebaut – dabei entdeckten wir die Fragebögen in alten Rollschränken, wo sie offenbar mehrere Jahrzehnte unbeachtet gelegen hatten. Auf einem Foto von Abraham Pisarek, das in der Dauerausstellung des Centrum Judaicum zu sehen ist, ist zu erkennen, dass sich nach 1945 in diesem Raum die Mitgliederverwaltung der Gemeinde befand.


Anm.: Statistische Angaben laut Bruno Blau, Die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde Berlin, in: Der Weg, Nr. 5 vom 29. März 1946, [S. 3]; Ders., Vierzehn Jahre Not und Schrecken, Auszüge in: Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918-1945, hg. von Monika Richarz, Stuttgart 1982, S. 459-475.

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