Digitale Erinnerungslandschaft Spandauer Vorstadt
In einer Kooperation zwischen der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und dem Mitte Museum (regionalhistorisches Museum des Bezirks Mitte von Berlin) werden zehn Straßenmarkierungen im Scheunenviertel dauerhaft montiert sowie eine gemeinsame, interaktive Website entwickelt, die jüdische Orte, Biografien und Geschichten in der gesamten Spandauer Vorstadt vor der NS-Diktatur anschaulich machen.
Die Straßenmarkierungen werden in der Gormannstraße, Rosenthaler Straße, Neue Schönhauser Straße, Alte Schönhauser Straße, Linienstraße, Rosa-Luxemburg-Platz, Mulackstraße, Münzstraße, Max-Beer-Straße und Almstadtstraße angebracht. Auf ihnen sind die jeweiligen Straßennamen in jiddischer Schrift mit Erläuterungen sowie QR-Codes zu finden.
Die QR-Codes führen zu der Webseite www.jewishmitteberlin.de, die eine interaktive Karte präsentiert, auf der wichtige Ereignisse wie etwa das Scheunenviertelpogrom von 1923, unterschiedliche jüdische Biografien sowie Institutionen und Orte des alltäglichen Lebens in der Spandauer Vorstadt und im Scheunenviertel zu finden sind. Vorgestellt werden insgesamt 40 unterschiedliche jüdische Orte. Ein Glossar ergänzt die Website.
Die Karte lädt auch zu thematischen Stadtrundgängen ein, die in den Erzählstimmen von Mascha Kaléko, Alexander Granach oder der ersten Rabbinerin Regina Jonas hörbar werden. Das Projekt verknüpft so die physische Erinnerungslandschaft mit konkreten Erinnerungszeichen im Scheunenviertel und parallel mit einer digitalen Erinnerungslandschaft in Form der interaktiven Karte.
Man hat damit die Möglichkeit, von zuhause, aus dem Klassenzimmer oder direkt vor Ort etwas über die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt vor der NS-Diktatur zu erfahren und sich auf die Spuren von einzelnen Protagonist:innen der jüdischen Stadtgesellschaft zu begeben.
Die Erinnerungslandschaft richtet sich an ein breites Publikum; alle Texte sind auch auf Englisch verfügbar. Die Straßenschilder sollen für Passant:innen ein Moment der Irritation sein. Lehrkräfte können mit ihren Schulklassen selbstgeführte Rundgänge durch die Spandauer Vorstadt und das Scheunenviertel umsetzen. Die Straßenmarkierungen und Erläuterungsschilder sollen aber auch Anwohner:innen einen neuen Blick auf ihr Viertel ermöglichen. Tourist:innen lernen durch sie in Vergessenheit geratene Aspekte der Berliner Geschichte kennen.
Die physische und die digitale Erinnerungslandschaft machen die reichhaltige jüdisch-migrantische Geschichte des Viertels sichtbarer, das heute scheinbar geschichtslos ist, da es kaum Stolpersteine oder auch Erinnerungszeichen gibt.
Spurlos verschwunden? -
Jüdische Lebenswelten im Herzen Berlins vor der NS-Diktatur
Die Spandauer Vorstadt bildet den historischen Kernort der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die ersten identifizierbaren jüdischen Einrichtungen Berlins ab dem späten 17. Jahrhundert befanden sich in diesem Stadtteil. Viele Institutionen des deutschen Judentums, wie etwa die Neue Synagoge und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, strahlten von hier bis in die Welt hinaus.
Darüber hinaus entwickelte sich das Scheunenviertel, ein Teil der Spandauer Vorstadt nordwestlich vom Alexanderplatz, zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem dynamischen Zentrum osteuropäischer Jüdinnen und Juden. Viele kamen als Flüchtlinge vor Kriegen und Pogromen. Andere wurden als Arbeiter:innen während des Ersten Weltkriegs angeworben oder nach Deutschland verschleppt. Manche waren auf Durchreise in Berlin gestrandet, einige kamen hingegen gezielt, um den Studienverboten ihrer Heimatländer oder dem dortigen Militärdienst zu entgehen. Anders als viele der alteingesessenen deutschen Jüdinnen und Juden wohnten, viele osteuropäisch-jüdische Migrant:innen im Scheunenviertel in engen Räumlichkeiten.
Ihre Lebenssituation war prekär, weil viele keine Arbeits- oder Wohngenehmigung für Deutschland besaßen. Die Gefahr von Polizeirazzien und zwangsweisen Ausweisungen war ebenso präsent wie der wachsende Antisemitismus in breiten Teilen der deutschen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Heute erinnern wir uns jährlich an das Novemberpogrom von 1938 – aber, dass ein Pogrom bereits am 5. November 1923 im Scheunenviertel wütete, ist nahezu in Vergessenheit geraten.
Doch die jüdische-migrantische Geschichte des Scheunenviertels ist nicht nur eine Geschichte der Unterdrückung. So brachte das Scheunenviertel viele bekannten Namen hervor. Der Filmpionier Ernst Lubitsch wurde dort geboren. Die Dichterin Mascha Kaléko zog als Kriegsflüchtling im Ersten Weltkrieg in die Grenadierstraße (heute Almstadtstraße). Der Schauspieler Alexander Granach (Berliner Volksbühne, Darsteller in „Nosferatu“) aus Galizien fand seine erste Arbeit in Berlin in einer Bäckerei in der Grenadierstraße. Auch junge assimilierte jüdische Intellektuelle fühlten sich von der lebendigen osteuropäisch-jüdischen Kultur des Viertels angezogen. Franz Kafka war begeistert vom Jüdischen Volksheim in der Dragonerstraße (heute Max-Beer-Straße), einem Jugendtreff für osteuropäische jüdische Kinder, wo seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant arbeitete.
Die Realisierung des Projektes wird aus Mitteln des “Aktionsfonds zur Unterstützung von Projekten gegen Antisemitismus” ermöglicht.