ist schwerer zu vermitteln als der Blick auf die Geschichte. Unsere Wahrnehmung ist, dass ein großes Spektrum innerhalb der Gesellschaft sich immer noch für jüdisches Leben, die Verfolgung von Jüdinnen und Juden, deren Schicksal vor und während der Shoa interessiert. Dies ist ohne Zweifel wichtig?
Jedoch: Die komplizierten Erfahrungswelten heutiger Jüdinnen und Juden in Deutschland, vor dem Hintergrund von erstarkendem Antisemitismus und polarisierten Debatten, stoßen auf weniger Interesse – und sind vielleicht für die nichtjüdische Gesellschaft weniger eine Art Safe Space?
Denn da ist so vieles kontrovers, jedenfalls nicht so eindeutig – auch und gerade innerjüdisch. Zum Beispiel: Welche Solidaritäten und Allianzen sollten Jüdinnen und Juden eingehen. Und wie kann jüdische Selbstbehauptung funktionieren, ohne sich in ständiger Abwehr zu erschöpfen? Wer hat welche Erwartungen an die jüdische Community? Auch von nichtjüdischer Seite wird immer wieder jüdische „Vielfalt“ nicht nur erwähnt, ja gepriesen und als Desiderat hochgehalten. Aber was bedeutet es eigentlich, diese zu leben?
Vor 100 Jahren gab es in Berlin eine ausgefächerte jüdische Medienlandschaft, die Kontroversen für alle lesbar austrug. Natürlich sind heute die Zeiten andere, allein die Zahl von Jüdinnen und Juden ist weitaus geringer. Aber kann die jüdische Community ihre Differenzen (politische, weltanschauliche, andere) heute offen verhandeln? Tatsächlich war dies etwa vor 15, 20 Jahren noch sehr viel mehr und sehr viel unbeschwerter der Fall. In den Jahrzehnten nach der Shoah hatte sich langsam ein anderes Selbstverständnis, auch ein anderes Vertrauen in die nichtjüdische Umgebung angebahnt. Die sprichwörtlichen „Mauern“ nach außen seit 1945 hatten Jüdinnen und Juden selbst abgetragen. Und jetzt?
Unsere beiden aktuellen Wechselausstellungen widmen sich aus verschiedenen Blickwinkeln heutigem jüdischen Leben. Die Kunstausstellung „Forms of Alignment“ stellt die Frage: Was passiert, wenn wir nicht vordringlich in jüdisch-nichtjüdisch denken, sondern in Beziehungen? Kunst und Künstler:innen wurden hierfür eben nicht nach Zugehörigkeit ausgewählt. Die Ausstellung arbeitet gegen eine Einengung durch identitäre Lesarten, wendet sich gegen ein simples „Wir – Ihr“ – sie ist eine Form von Handreichung, ohne das Komplexe von Beziehungen, spezifisch von jüdisch-nichtjüdischen zu negieren.
„Stolz und Vorurteil – Juden im Blick“ zeigt explizit jüdische Perspektiven und Biografien und fragt nicht nach einer Relevanz von jüdischer Zugehörigkeit überhaupt, sondern stellt Bilder von Jüdinnen und Juden in den Fokus – und damit auch die Zuschreibungen, die Fremd- und auch die Zerrbilder, mit denen sich Jüdinnen und Juden in den gegenwärtigen gesellschafts-politischen Bedingungen konfrontiert sehen. Die Ausstellung versucht damit eine Form der Selbstbehauptung durch Eigenbilder. Solche sind jene kurzen filmischen Skizzen in der Ausstellung, die Jüdinnen und Juden und Ausschnitte aus ihren jeweiligen diversen Lebenswelten zeigen.
Wir präsentieren also zur selben Zeit zwei Ausstellungen mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf jüdische Gegenwart in Berlin, Deutschland und Europa – Blickwinkel, die sich aber nicht ausschließen müssen, Blickwinkel, die wir auch nicht unbedingt synthetisieren wollen oder können. Vielmehr symbolisiert diese Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Blickwinkeln Ambivalenzen jüdischen Lebens heute in Deutschland. Die Gleichzeitigkeit von: Etikette, Verzerrungen, Ressentiments, Hassbilder; Zuschreibungen von nichtjüdischer Seite auch mit Goodwill dahinter, aber eben Zuschreibungen; Stereotype, aber auch Allianzen. Allianzen, aber auch gebrochene Allianzen. Zurückweisungen, aber auch Handreichungen. Überlegungen um Beziehungen und deren Basis, darum, welches Wir es im heutigen Deutschland für Jüdinnen und Juden gibt. Ein jüdisches Wir, aber eben auch jüdisch-nichtjüdische Wir-s, bzw. solche, die andere Kategorien des Belonging voranstellen?
Dies sind m.E. bedeutsame Fragen, die sich in den Ausstellungen finden oder ihnen unterlegt sind. Und zwar in einer Gleichzeitigkeit, unaufgelöst. Diese Gleichzeitigkeit von vielen unterschiedlichen Blickwinkeln ist eine Herausforderung auch für uns als Institution, als modernes Museum. Doch wir sehen als Teil unseres Auftrags, die Debatten um diese Fragen zu vermitteln und dabei mit Menschen zu teilen, was Jüdinnen und Juden bewegt, vor welchen Problematiken sie stehen, welche Erfahrungen sie haben, wie unterschiedlich sie in vielem und ihren Judentümern sind. Einfache Antworten bedeutet dies nicht.
Dr. Anja Siegemund
Direktorin
Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum