ErbeundAuftrag

EineAusstellunganlässlichdes325-jährigenBestehens derJüdischenGemeindezuBerlin

15.11.1996 – 31.03.1997

Erbe und Auftrag

In unserer Ausstellung zum 325-jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sind nur wenige Objekte zu sehen. Bei dem großen Teil der Ausstellungsstücke handelt es sich um Zeremonialgegenstände, die in Berliner Synagogen benutzt worden sind. Anhand ihrer Inschriften lassen sie sich bestimmten Synagogen oder jüdischen Einrichtungen zuordnen, manchmal sind auch die Namen der Stifter, das Jahr und der Anlass der Stiftung genannt.

Die Gegenstände sind der Zerschlagung jüdischen Lebens in Berlin entgangen, durch Zufall, oder weil sie während der Kriegsjahre in früheren Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde versteckt waren. Manche verdanken ihre Rettung wohl dem simplen Umstand, dass sie nach Plünderung und Zerstörung einfach liegengeblieben sind, dass sie sich als vermeintlich »wertloses« Material nicht nutzen ließen. Die genauen Umstände ihrer Rettung sind heute kaum mehr zu rekonstruieren. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass diese Zeugnisse uns heute nur deshalb zur Verfügung stehen, weil jemand sie irgendwann einmal aufgehoben hat, um sie vor Vernichtung und Vergessen zu bewahren. Nach Kriegsende, als sich allmählich wieder ein Gemeindeleben zu etablieren begann, wurden manche dieser Gegenstände in den Synagogen und Betsälen erneut in Gebrauch genommen.

Die meisten dieser Exponate werden heute als historischer Bestand vom Centrum Judaicum in den Räumen der einstigen Neuen Synagoge bewahrt und betreut. Die „Sammlung“ des Centrum Judaicum ist allerdings keine Judaica-Sammlung im klassischen Sinne, vergleichbar mit Beständen jüdischer Museen. Ihr Ziel ist es nicht, den jüdischen Gottesdienst oder jüdisches Brauchtum an sich zu erklären. Vielmehr wird versucht, mit dem Erbe der Jüdischen Gemeinde ein Stück jüdischer Geschichte Berlin zu erzählen. Damit ist zugleich ein Auftrag verbunden, wie es der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Jerzy Kanal, angeregt hat, „dieses Gebäude mit geistigem jüdischen Leben zu füllen“.1

Torakrone, Berlin, vermutlich 1916
Inschrift: “Gestiftet von Theodor u. Bertha Herzog”

Zwei Etrogdosen, Berlin, 1898
Inschrift: “Synagoge Lützowstr. 5658 (1898)”

Chanukkaleuchter,Berlin, 1912
Inschrift: “Gestiftet von Simon Spangenthal
Charlottenburg, August 1912.”

Einen Überblick über die 325-jährige Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde geben zu wollen, schied angesichts der wenigen Objekte die den Nationalsozialismus überdauert haben, aus. Aber auch eine bloße Aneinanderreihung der erhaltenen Gegenstände schien uns wenig sinnvoll zu sein. Das Centrum Judaicum und der Museumspädagogische Dienst entschieden sich daher für ein Präsentationskonzept, das auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag: Bei der Auswahl kam es uns in erster Linie darauf an, die jeweiligen Objekte in einen lebendigen Kontext zu stellen.

Chronologische oder ästhetische Gesichtspunkte waren weniger ausschlaggebend als die Frage, was über einzelne Gegenstände in Erfahrung zu bringen war, wo Zusammenhänge rekonstruiert werden konnten. 13 Objekte bzw. Objektensembles stehen so im Mittelpunkt der Ausstellung. Sie alle repräsentieren wichtige Bereiche oder Zeitabschnitte der Gemeindegeschichte. Der Toravorhang aus dem Waisenhaus Pankow beispielsweise ist nicht nur ein Zeremonialobjekt – und im Vergleich zu anderen ein weniger prachtvolles –, sondern er berichtet auch vom sozialen Engagement der Jüdischen Gemeinde, vom persönlichen Einsatz der Familie Garbáty, die ihn gestiftet hat, und von der Geschichte einer großen Berliner Tabakwarenfabrik.

Hintergründe wie diese sollten in der Ausstellung besonders deutlich werden. Und so erzählen die Objekte gleichsam selbst: An jeder der 13 Stationen empfängt der Besucher Hörtexte, die ihm Informationen über die Orte und den Personenkreis vermitteln, mit denen das jeweilige Objekt einmal verbunden war. Auf diese Weise – so hoffen wir – entsteht ein lebendiges Bild jüdischen Lebens in Berlin. […] In dieser Ausstellung geht es also nicht darum, eine verschwundene Welt rein historisch darzubieten und ihre künstlerischen Leistungen zu zeigen; vielmehr soll der Wert, den das Erinnern für das heutige Leben hat, auch gerade an scheinbar Kleinem und Unbedeutendem ablesbar gemacht werden. Denn die überwiegende Zahl der Ausstellungsgegenstände kann der sogenannten Alltagskultur zugerechnet werden und hätte ohne die Zerstörungen der Nationalsozialisten wohl kaum ihren Weg in eine museale Umgebung gefunden.

Dennoch gibt es eine große Ausnahme: einen Toravorhang, der für die Geschichte, der Berliner Juden von außerordentlicher Bedeutung ist. Es ist der prächtig bestickte Toravorhang, den Daniel Itzig – preußischer Hofbankier und zu der damaligen Zeit Ältester der Berliner Jüdischen Gemeinde – und seine Frau Mirijam im Jahre 1764 der Alten Synagoge in der Heidereutergasse gestiftet hatten. Schon 1917 war dieser Vorhang in einer Ausstellung der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde, dem späteren Berliner Jüdischen Museum, zu sehen.

»Es hängt unsere Seele, o Gott, sehnsüchtig an Dir.
Der Vorhangsteppich von der Heiligen Lade
für den Namen Deiner Pracht und Deine Lehre ist liebevoll [geweiht].
Habe Wohlgefallen, o Gott, an Ehrengaben aus unseren Händen für
Dein Haus.

Spende 
des Vornehmen, des namenhaften Mannes, des Vorstehers und Führers
der Gemeinde, Herrn Daniel Jafe
und seiner angesehenen, vornehmen Ehegattin, Frau Mirjam 
im Jahre 5524 [1764] der Schöpfungsära«

Die Zeremonialobjekte des Jüdischen Museums, das 1933 bis 1938 in der Oranienburger Straße 31 seinen Sitz hatte und über eine bedeutende Judaica-Sammlung verfügte, sind nicht mehr vorhanden. Dieser Teil der einstigen Bestände der Berliner Jüdischen Gemeinde ist seit der erzwungenen Schließung im November 1938 verschollen ebenso wie die Registratur und das Inventarverzeichnis der Sammlung. Wir wissen bis heute nicht, was die Jüdische Gemeinde zu Berlin an Zeremonialgerät besessen hat, denn es steht uns weder das Gemeindearchiv noch stehen uns – bis auf eine Ausnahme – einzelne Synagogeninventarverzeichnisse zur Verfügung.

Hingegen wissen wir, dass etwa 500 Torarollen und einige Zeremonialobjekte auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee gerettet wurden. Rabbiner Martin Riesenburger, der auf dem Friedhof tätig war und überlebte, hatte die Gegenstände dort versteckt, um, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, „alles für einen hoffnungsvollen Neubeginn zu erhalten“. Im November 1946 wurde die Jüdische Gemeinde gebeten, von diesen geretteten Torarollen einen Teil für den Wiederaufbau anderer jüdischer Gemeinden in Deutschland abzugeben. Vorstand und Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin beschlossen daraufhin, 100 Torarollen zur Verfügung zu stellen. 3

Es sind in der Ausstellung nicht nur Objekte zu sehen, die ihre ursprüngliche Bestimmung verloren haben, weil die Synagogen nicht mehr existieren, zu deren Ausstattung sie einmal gehört haben. Manches von dem Gezeigten begleitet das religiöse Leben der Berliner Juden noch heute, beispielsweise ein silberner Becher für den Kiddusch, der ursprünglich von Bernhard und Frieda Heß zur Einweihung der Synagoge in der Levetzowstraße im Jahre 1914 gestiftet worden ist. Dieses Stück zu zeigen, ist nicht nur wichtig, weil es das einzige und bekannte Überbleibsel dieser Berliner Synagoge darstellt. Hier wird der Besucher auch mit dem Kapitel jüdischer Geschichte Berlins konfrontiert, das, seit den Deportationen von Berliner Juden in die Todeslager, mit der Synagoge in der Levetzowstraße verbunden ist: Seit Oktober 1941 dienten die Räume dieser Synagoge den nationalsozialistischen Machthabern als Sammellager.

Heute verwendet die Synagoge Pestalozzistraße diesen Kidduschbecher an jedem Freitagabend während des Sabbatgottesdienstes. Insofern ist es eines der Ziele dieser Ausstellung, zu zeigen, dass es ungeachtet des Bruchs in der Geschichte des Berliner jüdischen Lebens auch Kontinuität gibt und geben wird, wenn die Berliner Juden ihren Auftrag erfüllen, indem sie das Erbe antreten.

Dr. Hermann Simon, Dr. Chana C. Schütz

Zwei Kidduschbecher,Berlin, vermutlich 1928
Inschrift: “Verein Westend-Synagoge”

Petschaft für Abraham Lichtenstein,Berlin, um 1860
Inschrift: “A.J. Lichtenstein Ober-Cantor
der Israel. Gemeinde in Berlin”

Kidduschbecher mit Deckel, Berlin, 1914
Inschrift:  “Zur Einweihung der Synagoge Letzowstraße
7. April 1914 [11. Nissan 674] gestiftet von
Bernhard Heß u. Frau Frieda geb. Merfeld.”

Ein Fundstück aus der Spree

Die in Köpenick ansässigen Juden gehörten durch Gesetzeskraft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Jüdischen Gemeinde Altlandsberg. Auf Anordnung der Potsdamer Regierung wurde am 30.8.1889 die »Synagogen-Gemeinde Coepenick und Umgegend« gegründet. Sie war bis zum 1.7.1930 selbständig.
Erst zehn Jahre nachdem die bis dahin eigenständige Stadt Köpenick ein Berliner Bezirk geworden war, schloss sich die dortige Jüdische Gemeinde der Berliner an.Die Köpenicker Gemeinde verfügte über eine eigene Synagoge, die am 25.9.1910 in der Straße Freiheit 8 ihrer Bestimmung übergeben wurde.

»Für Entwurf und Ausführung des Projektes war der Neuköllner Architekt Adolf Sommerfeld gewonnen worden, und die Bauleitung lag in den bewährten Händen des Köpenicker Baumeisters Fritz Wolff.«2  Noch 1935 wurde, am 27. September – es war der Vorabend des jüdischen neuen Jahres 5696 -, »in einer gottesdienstlichen Feier des 25jährigen Bestehens der Synagoge gedacht«.3
Während des Novemberpogroms 1938 wurde die Synagoge erheblich beschädigt. Erst 1976 wurde bekannt, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 »Einrichtungs- und Kultgegenstände in die naheliegende Spree geworfen« wurden.4  Der Leiter des Köpenicker Heimatmuseums, Claus-Dieter Sprink, bestätigt in einem Brief vom 8.8.1996, dass »die SA die geplünderten Gegenstände schräg gegenüber der Synagoge in Richtung Freiheit in die Spree geworfen« hat.
Lediglich ein Toraschild konnte bei Bauarbeiten nahe der Köpenicker Dammbrücke im Juni 1986 aus der Spree geborgen werden. Bauarbeiter übergaben »das offensichtlich sakrale Kleinod Pfarrer Horst Greulich von der Evangelisch-reformierten Schloßkirchengemeinde (…). Seiner Vermutung nach stammt es aus jener Synagoge, die sich einst (…) gegenüber vom Pfarrhaus befand . Pfarrer Greulich überbrachte das Schild dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von [Ost]Berlin, Dr. Peter Kirchner.«5
Im Jahre 1988 wurde es im Ephraim-Palais in der Ausstellung »Und lehrt sie: Gedächtnis« gezeigt.

Dr. Hermann Simon

Toraschild aus der Synagoge Köpenick
Good to know.

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