»Deutsche und Juden – ein ungelöstes Problem« lautete eine Diskussion, die im August 1966 im Rahmen des Jüdischen Weltkongresses in Brüssel mit Gershom Scholem, Golo Mann, Karl Jaspers und anderen stattfand. Die Konfrontation blieb nicht aus: Historische Fragen traten offen zutage, die sich politisch nicht beschwichtigen ließen – und bis heute nachwirken. Ein neu erschienener Band dokumentiert die damaligen Beiträge und ergänzt sie um eine aktuelle Perspektive. Vom spannungsvollen Verhältnis »zweier Nationen« war 1966 die Rede. Was bedeutete es, wenn damals von »Deutschen« und »Juden« die Rede war? Was schrieb man ihnen zu? Wir führen das Gespräch sechzig Jahre später neu mit zweien, die die historische Gegenüberstellung analysieren: mit einer deutsch-jüdischen Autorin, die Israel gut kennt, und einem jüdisch-israelischen Autor, der über Jahre in Deutschland gelebt hat. Wir fragen: Welche Vorstellungen übereinander, aber auch welche Selbstverständnisse existieren heute? Was trennt jüdische Israelis und deutsche Jüdinnen und Juden, was eint sie – gerade nach dem 7. Oktober?
Das Jahr 2025 markiert 60 Jahre diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland –
ein Jubiläum, das an die spezifische historische Verantwortung Deutschlands erinnert als auch die lebendige und keinesfalls selbstverständliche Partnerschaft beider Länder würdigt. Gleichzeitig fällt dieses Jubiläum in eine Zeit tiefgreifender Verunsicherung: Die Terroranschläge der Hamas am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende und weiterhin andauernde Krieg in Gaza haben das Verhältnis Israels und Deutschlands auf besondere Weise in den Fokus gerückt. Kaum ein Thema wird in der deutschen Öffentlichkeit derzeit mit vergleichbarer Emotionalität und Intensität debattiert. Umso mehr fordert das Jubiläum zu Reflexion und Dialog auf.
Die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum nimmt dies zum Ausgangspunkt für drei Abende im Rahmen ihrer Reihe Jüdisch-Literarisches Rondeel. In diesem Jahr treten deutsche und israelische Autor:innen in den Austausch über das, was ihr Schaffen prägt und bewegt.
Im Mittelpunkt der drei Themenabende stehen als zentrale Fragen: Was verbindet Autor:innen in beiden Ländern, was unterscheidet ihre Realitäten? Wie sehen sie einander? Welche Texte anderer Autor:innen haben das eigene Arbeiten beeinflusst? Und: Welche Rolle kann Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Erschütterungen spielen?
Die Reihe entsteht in Kooperation mit dem Leo Baeck Institute Jerusalem.
Sie wird unterstützt von der Heinrich-Böll-Stiftung und gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Ort:
Repräsentantensaal,
Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
Oranienburger Straße 28-30, 10117 Berlin
Anmeldung: info@centrumjudaicum.de
Ofer Waldman
Ofer Waldman wurde 1979 in Jerusalem geboren. Als einer der ersten Musiker im West-Eastern Divan Orchestra zog er 1999 nach Berlin. Er spielte u. a. im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, bei den Nürnberger Philharmonikern, an der Neuen Israelischen Oper und beim Israel Philharmonic Orchestra. Später wurde Ofer Waldman an der Hebräischen Universität Jerusalem (Geschichtswissenschaft) sowie an der Freien Universität Berlin (Germanistik) promoviert. Zivilgesellschaftlich aktiv leitet er das Büro der Heinrich Böll Stiftung in Tel Aviv. Von ihm erschienen sind »Singularkollektiv. Erzählungen« (Wallstein Verlag, 2023) und Gleichzeit. Briefe zwischen Israel & Europa (Suhrkamp Verlag, 2024, zusammen mit Sasha Marianna Salzmann). Er ist Autor mehrerer Radiobeiträge und -Hörspiele. 2021 wurde er mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet.
Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Seit 2009 ist sie Museums- und Stadtführerin in München. 2017 Promotion mit einer Arbeit zur Rolle von Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus, seitdem Postdoc an der LMU. Ihr Debütroman »Otto« erschien 2019 bei Kiepenheuer & Witsch. Nach ihrem gefeierten Debut legte sie mit »Nochmal von vorne« (Kiepenheuer & Witsch) 2024 ihren zweiten Roman vor. Dana von Suffrin wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Klaus-Michael-Kühne-Preis (2019), dem Ernst-Hoferichter-Preis (2020), dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (2020), dem Tukan-Preis (2024) und dem Chamisso-Preis (2025). Sie lebt in München.
Weitere Termine:
9. Oktober: Bilderwelten nach dem 7. Oktober (mit Adriana Altaras und Yirmi Pinkus)
Seit dem 7. Oktober gehen furchtbare Bilder um die Welt, Bilder vom Terrorangriff der Hamas, Bilder des Schreckens und der Verwüstung, der festgehaltenen Geiseln, Bilder des Leids und der Zerstörung in Gaza. In Tel Aviv ist eine neue Streetart entstanden, um die Erfahrungen einzufangen. Welche Bilder sieht man in Israel? Welche in Deutschland? Welche Bilder teilen wir? Welche trennen uns?
Grußwort:
Galili Shachar, Vorsitzender Leo Baeck Institute Jerusalem
4. November: Queere Lebenswelten in Deutschland und Israel (mit Lars Werner und Sharron Hass)
Jüdisch zu sein und queer bedeutet oft ein doppeltes Außenseitertum. Der wachsende Antisemitismus geht mit Homophobie einher, in Berlin und anderswo. Die jüdische Religion hat ein spannungsvolles Verhältnis zur Homosexualität. Andererseits entstehen neue Formen von Solidarität untereinander und Teilhabe mit anderen. Wir fragen nach jüdischen und nicht-jüdischen Erfahrungen und Perspektiven.
4. Dezember 2025 – 18:00 – 19:30



